USA / Kanada 2000


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 Teil 1: Vom Pazifik in die Rocky Mountains

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Ein Ford Triton V10 mit 10 Zylindern und 350 PS - für amerikanische Verhältnisse ist unser Caravan bestenfalls Mittelklasse, aus Sicht eines Europäers handelt es sich um ein echtes Monstrum. Zu viert haben wir uns in Vancouver / Kanada verabredet. Erklärtes Ziel ist, einen Gutteil des Nordwestens der Vereinigten Staaten von Amerika und ein kleines Stück südwestliches Kanada kennenzulernen. Unser Mietfahrzeug - den besagten Ford - haben Eva und Thomas, die bereits einen Tag zuvor angereist sind, schon besorgt. Und so könnte unsere Tour eigentlich ohne lästige Verzögerung beginnen, wenn ... ja wenn die Maschine, mit der Sibylle aus London kommen will, nicht schlappe elf Stunden Verspätung haben würde !

Lange Stunden später ... Inzwischen ist auch Sibylle glücklich gelandet, sind alle Formalitäten erledigt und endlich - endlich ! - liegen die endlosen Weiten amerikanischer Landstraßen vor uns. Unser erstes Etappenziel, die schneebedeckten Gipfel des "Olympic Nationalparks" auf der gleichnamigen Halbinsel, können wir dank hervorragender Fernsicht vom ersten Kilometer dieser Reise an sehen. Doch der Weg dorthin ist weit, führt erst einmal nach Süden über die kanadisch-amerikanische Grenze, durch Seattle, die sehenswerte Metropole im Bundesstaat Washington, in weitem Bogen um die ausgedehnte Fjordlandschaft der "Strait of Georgia" und zurück in den Norden der großen Halbinsel. Für Thomas, der die kommenden Wochen den Hauptteil der Strecke hinter dem Steuer sitzen soll, stellt als erfahrenem Busfahrer die Navigation unseres schweren Fahrzeugs auf den zumeist bestens ausgebauten Straßen kein sonderliches Problem dar. Bis zum Eingang des Parks haben wir den Zeitverlust von Vancouver fast schon wieder aufgeholt. Nachdem wir im "Headquarter" der Parkverwaltung den "Golden Eagle Pass", ein mit 50 US$ sehr preiswertes Gemeinschaftsticket für alle Insassen eines beliebigen Fahrzeugs, das zudem noch für alle Nationalparks der USA ein volles Jahr gültig ist, erworben haben, steht einer ersten Exkursion nichts mehr im Wege. Wie hierzulande üblich, führen auch im "Olympic Nationalpark" kleine Straßen zu vielen der Sehenswürdigkeiten - so auch zur "Hurricane Ridge", einem fantastischen Aussichtspunkt in unmittelbarer Nähe des mit 2424 m ü.NN höchsten der umliegenden Berge, des "Mount Olympus". Meterhoch türmt sich hier noch der Schnee vom letzten Winter, fordert buchstäblich zu einer wilden Schneeballschlacht im strahlenden Licht der warmen Spätfrühlingssonne heraus ...

Vom Schneefeld in den Regenwald, so könnte man die Fahrt von der "Hurricane Ridge" hinab zum "Hoh River" bezeichnen. Wir umrunden dafür Dreiviertel der meist mit dichtem Nadelwald bewachsenen "Olympic Halbinsel" und erreichen einen halben Tag später die westliche, dem Pazifik zugewandte Seite des Nationalparks. Dank des hier vorherrschenden sehr feuchten Küstenklimas konnte in diesem Gebiet eine einzigartige Flora entstehen: Riesige Douglasien, Hemlocktannen, Zedern und Ahornbäume, von deren weit ausladenden Ästen meterlange Vorhänge aus Moosen und Flechten wuchern, Sitkafichten deren Pfahlwurzeln hoch über dem Erdboden beginnend den Eindruck erwecken, die dicken Stämme stünden auf Stelzen. Farne und ein dicker weicher Moosteppich überwuchern den Boden und umgestürzte Baumriesen - kurz: ein dichter sattgrüner Urwald, den wir das große Glück haben, an einem der hier eher seltenen Sonnentage zu erleben. Seinen Namen - "Hoh Rain Forrest" - verdankt das Gebiet dem schon erwähnten glasklaren und eiskalten Gebirgsfluss "Hoh", dessen steiniggraues Flussbett die dichte grüne Wand aus Pflanzen durchschneidet.

Vom Regenwald zur Pazifikküste sind es nur wenige Kilometer. Der von Unmengen Treibholz, Tang und Meeresgetier bedeckte Strand wirkt wild und einsam und lädt zu einer Wanderung ein. Wir folgen ein Stück der stark zerklüfteten Küstenlinie, immer wieder über Felsvorsprünge und wüst getürmte, vom Salzwasser glatt polierte Baumstämme kletternd, Schätze bewundernd, die die letzte Flut auf dem Strand zurückgelassen hat: große Muscheln und seltsam geformte Schneckengehäuse, bunte Seesterne, stachlige Panzer kleiner Krabben und meterlanges zähes Seegras mit großen ballonartigen Schwimmblasen. Kleine, von Nadelbäumen bewachsene Inselchen lassen den Blick hinaus auf die weite graublaue Wasserfläche nie langweilig werden. Jede der zahllosen kleinen Buchten macht neugierig auf die nächste. Derart immer weiter vorwärtsgetrieben werden wir von der Flut überrascht. Der eh nur wenige Meter breite Sandstrand verschwindet zusehends im Wasser, das Dickicht dahinter wirkt dunkel und undurchdringlich. Im Eiltempo versuchen wir zurück zum Ausgangspunkt der Wanderung zu kommen. Schon wird das Treibholz wieder zum Spielball der Wellen, leckt die Gischt am Fuß der Klippen über die wir hinab gestiegen sind. Buchstäblich in letzter Minute erreichen wir den Aufstieg zurück auf sicheres Terrain.

Und weiter geht die Tour: Der Highway 101 folgt dem Verlauf der Pazifikküste südwärts. Nur selten begegnen wir anderen Fahrzeugen - und wenn, dann sind es fast immer große Trucks, die gefällte Baumstämme transportieren. Weite gerodete Flächen offenbaren, dass auch hier Raubbau an der Natur betrieben wird. Wir verlassen die Halbinsel und setzen unsere Reise in östlicher Richtung fort. Die weite Fahrt tief ins Herzen der Rock Mountains hat begonnen ...

Fast auf den Tag genau 20 Jahre ist es her, dass der Vulkan "Mount Saint Hellens" mit der Gewalt einer Atombombe explodierte, alles Leben in weitem Umkreis auslöschte und eine steinerne Einöde hinterließ. Ein guter Grund für uns, einen kleinen Umweg in kauf zu nehmen und den Ort dieser gewaltigen Naturkatastrophe einen kurzen Besuch abzustatten. Noch immer macht das Gebiet einen apokalyptischen Eindruck, wenn auch inzwischen an geschützten Stellen die ersten Pflanzen wieder Fußgefasst und die Rückkehr des Lebens eingeläutet haben.

Bei Portland überqueren wir den "Colombia River" und damit die Grenze nach Oregon. Die Straße folgt nun dem südlichen Ufer des mächtigen Stroms, das manchmal flach, dann wieder klippenartig steil abfällt. An einem hohen Wasserfall - dem "Multnomah Fall" - rasten wir, erfrischen uns an der Gischt der herabstürzenden Wasser. Eine Stunde später sitzt Thomas wieder hinter dem Steuer und unser Caravan frisst Kilometer um Kilometer dieser bis dato längsten Tagesetappe der Reise. Ganz allmählich verändert sich der Charakter der Landschaft: Aus Wald wird blumenübersäte Wiese, später karge Prärie. Bei einer weiteren Rast müssen wir unsere Mahlzeit gegen den Ansturm großer, sehr aufdringlicher Möwen verteidigen. Jede Unaufmerksamkeit wird von diesen diebischen, meisterhaft fliegenden Schreihälsen genutzt, einen Kanten Brot oder ein Stück Wurst zu stehlen. Was suchen Möwen eigentlich so weit entfernt von der Küste ? Auch der "Colombia" liegt inzwischen schon viele Kilometer hinter uns; das Tagesziel, der "Hells Canyon", ist fast erreicht. In einer herrlich grünen Hügellandschaft schlagen wir schließlich unser Nachtlager auf.

Im ersten Licht der Morgensonne geht die Reise weiter; erreichen wir den "Hells Canyon". Tief hat der "Snake River" hier sein Bett in den Fels geschnitten. Ein Pfad schlängelt sich zwischen Ufer und den steil aufragenden Felswänden durch die Schlucht. Wir nutzen die Gelegenheit für eine kleine Wanderung und ein erfrischendes Morgenbad. Zurück auf der Straße heißt uns eine bunte Tafel im Staate Idaho willkommen: "Welcome to Idaho - the Potato State" steht da geschrieben. Nun ja, auch wenn der Beiname touristisch nicht unbedingt reizvoll klingt, der "Kartoffelstaat" hat dennoch so einiges zu bieten. Zum Beispiel die "Bruneau Dunes", an denen wir einige Stunden später halt machen. Inmitten weiter Prärie erheben sich drei mit 60 Metern Höhe schwer zu übersehende gelbe Sanddünen. Die Sahara lässt grüßen ! Wirken diese Berge aus feinem, vom Wind mit waschbrettartigen Mustern ziseliertem Sand in dieser Landschaft schon irgendwie deplaziert, so erscheint der riedumwachsene und von Wasservögeln bevölkerte See in deren Mitte geradezu paradox. Selbstverständlich erklimmen wir die höchste der Dünen, was Dank des lockeren Sandes nicht ganz einfach ist. Doch die außergewöhnliche Aussicht, ein toller Sonnenuntergang und vor allem eine fantastische Rutschpartie hügelabwärts entschädigen reichlich für die Mühe. Feiner Sand, der noch Tage später aus Kleidung und Haaren rieselt, lässt uns dieses Abenteuer lange nicht vergessen ...

Die nicht weit entfernten und im Reiseführer großspurig als "Niagarafälle des Westens" titulierten "Shoshoni Falls" erweisen sich dagegen als Flop. Der durch intensive Bewässerung weiter Landstriche arg geschröpfte Schlangenfluss wird zu allem Überfluss auch noch durch die Rohre eines unmittelbar auf der Felsklippe errichteten Wasserkraftwerks geleitet. Was übrigbleibt ist ein lächerlich kleines Rinnsal auf einer ansonsten beeindruckenden Felskaskade.

Eine halbe Tagesreise weiter im Nordosten Idahos beginnt eine erschreckend kahle, schwarze Landschaft. "Craters of the Moon" wird dieses Gebiet und der hier befindliche Nationalpark treffend genannt. Schroffe, zerklüftete, in Wellen erstarrte Lava bedeckt das Land. Doch auch hier ist das Leben auf dem Vormarsch: Inmitten der schwarzen Wüste wachsen Büschel des zähen gelben Präriegrases, hier und da sogar eine der knorrigen Bristlecone Pinien. Die Attraktion des Parks sind allerdings die zahlreichen kleinen Vulkan-Kegel - von mir respektlos "Bonsai-Vulkane" getauft. Von einem der höchsten dieser schwarzen Kegel, dem "Inferno Cone" (die Amerikaner haben einen Faible für apokalyptisch klingende Namen), bekommen wir einen guten Überblick über das weite, urzeitlich wirkende Areal. Überall liegt scharfkantiger Obsidian auf dem Boden, glitzert im grellen Sonnenlicht in allen Farben des Regenbogens. Ein Paradies für Steinsammler und Hobbygeologen !

Ein Cowboy auf einem wild steigenden Hengst - so präsentiert sich Wyoming auf den "Welcome"-Tafeln an seinen Grenzen und auf den Kennzeichen der hier zugelassenen Fahrzeuge. Die Einwohner dieses im Herzen der Rocky Mountains gelegenen Bundesstaates versäumen kaum eine Gelegenheit zu betonen, dass genau hier der wahre "Wilde Westen" beginnt. Man kleidet sich entsprechend in Leder und Jeans. Leggings und Stiefel sind ebenso unverzichtbar wie der breitkrempige Hut. Selbst der Sheriff von Jackson - der ersten Stadt auf unserer Route durch den "Cowboy State" - und sein weiblicher Deputy präsentieren sich martialisch hoch zu Ross. Zweigeschossige Holzhäuser und Saloons, in denen man auf Sätteln an der Bar sitzt, runden dieses Bild ab. Auf Greenhorns wie uns macht das alles natürlich mächtig Eindruck ! Glück haben wir zudem auch noch: Wir treffen gerade rechtzeitig zur Eröffnung des alljährlichen großen Geweihmarktes von Jackson ein. Die Stadt ist geschmückt mit Fähnchen und Girlanden - selbstverständlich im blau-weiß-roten "Stars ’n’ Stripes"-Look. Zahllose echte und falsche Cowboys und -girls bevölkern die Straßen der Stadt. Alles drängt zum zentralen Platz, wo alte Trapper und junge Pfadfinder Geweihe gleich Bündelweise versteigern. Staunend bewundern wir große, aus Gehörnen zusammengefügte Torbögen und einen wahren Berg prächtiger Geweihe neben der Bühne. Zu unserer Beruhigung bekommen wir gesagt, dass sich die ursprünglichen Besitzer dieses Kopfschmucks in den umliegenden Naturreservaten noch immer ihres Lebens erfreuen - jedenfalls die meisten von ihnen. Große Hirscharten wie Elks (Wapiti-Hirsche) und Mule Deers (Maultierhirsche) - von denen es hierzulande noch recht viele zu geben scheint - werfen ihre mächtigen Geweihe im Frühjahr ab und die Pfadfinder und Ranger sammeln sie dann einfach nur noch auf.

Bericht: Heiko Otto
Juni 2000       

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   USA / Mexiko 1998   
 

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